Fast jedes Verhaltensproblem bei kleinen Kindern läuft auf dasselbe hinaus: ein großes Gefühl und keine Worte. Schlagen, Beißen, Schreien, auf dem Boden liegen – das passiert, wenn eine Emotion heraus muss und es keine Sprache dafür gibt.
Deshalb ist das Benennen von Emotionen nichts Abgehobenes. Es ist ein praktisches Werkzeug.
Wie es funktioniert
Wenn du einem Gefühl einen Namen gibst, verschiebst du es vom emotionalen Teil des Gehirns in den Teil, der Worte und Überblick hat. Das ist messbar: Benennen senkt die Intensität der Emotion.
Du machst das am Anfang für dein Kind. Später macht es das selbst.
"Du bist wütend, weil der Turm umgefallen ist." Dieser eine Satz bewirkt mehr als zehnmal zu sagen, dass sie aufhören soll zu weinen.
Was du sagst
- Benenne, was du siehst: "Du ballst die Fäuste. Ich glaube, du bist wütend."
- Verbinde es mit der Ursache: "Du bist traurig, weil wir den Park verlassen müssen."
- Erkenne das Gefühl an, setze Grenzen beim Verhalten: "Wütend sein ist okay. Schlagen nicht."
- Biete eine Alternative an: "Du darfst stampfen oder es laut sagen."
- Bleib dabei, ohne zu lösen: "Das ist wirklich blöd. Ich bleibe hier."
Was du lieber nicht sagst
"Nicht weinen" — das lehrt, dass Gefühle falsch sind. Sie verschwinden dadurch nicht; sie verschwinden nur aus dem Blickfeld.
"So schlimm ist das nicht" — für sie schon. Was für dich klein ist, ist für einen Vierjährigen groß.
"Große Mädchen weinen nicht" — das hört ein Kind manchmal noch Jahre später in ihrem Kopf.
Sofort lösen — der Reflex, es schnell wiedergutzumachen, nimmt die Chance, das Gefühl zu tragen zu lernen.
Baue den Wortschatz auf
Beginne mit den vier großen: fröhlich, wütend, ängstlich, traurig. Erweitere dann: enttäuscht, eifersüchtig, stolz, nervös, frustriert, erleichtert. Je präziser die Worte, desto besser kann ein Kind sich selbst verstehen.
Nutze Bücher und Filme: "Wie glaubst du, fühlt er sich jetzt?" Das übt, ohne dass es um sie selbst geht.
Mach es selbst laut
Das ist vielleicht das Wirksamste. "Ich bin jetzt frustriert, weil es nicht klappt. Ich atme mal tief durch." Du zeigst, dass Erwachsene auch Gefühle haben und dass man etwas damit tun kann.
Erwarte nicht, dass es sofort funktioniert
Ein Kind, das mitten in einem Ausbruch steckt, kann deine Worte nicht verarbeiten. Benennen tust du vor allem davor und danach. Währenddessen: da sein, wenig sagen, warten.
Und es dauert Jahre. Die dazugehörigen Hirnbereiche sind erst um das fünfundzwanzigste Lebensjahr voll ausgereift. Du säst jetzt etwas, dessen Ernte du erst viel später siehst.