AD(H)S bei Kindern: Anzeichen erkennen und der Weg zur Hilfe

Die Lehrerin nennt ihn "einen zappeligen kleinen Mann". Sein Großvater sagt, dass Kinder heutzutage zu schnell abgestempelt werden. Und du siehst jeden Abend ein Kind, das weint, weil es wieder nicht still sitzen konnte.

Irgendwo zwischen diesen drei Meinungen musst du eine Entscheidung treffen.

Wo die Grenze liegt

Alle Kinder sind mal unruhig, vergesslich oder impulsiv. Bei AD(H)S geht es um vier Dinge gleichzeitig:

  • Es ist stärker ausgeprägt als bei Gleichaltrigen.
  • Es dauert länger als sechs Monate an.
  • Es tritt in mehreren Umgebungen auf – zu Hause UND in der Schule, nicht nur bei Oma.
  • Es beeinträchtigt: das Lernen, Freundschaften oder das Selbstbild.

Der letzte Punkt ist der wichtigste. Ein aktives Kind, das gut zurechtkommt, braucht keine Diagnose.

Zwei Gesichter

Die unruhige Variante

Nicht stillsitzen können, überall hochklettern, herausplatzen, Schwierigkeiten beim Warten, andere unterbrechen, von einer Aktivität zur nächsten springen.

Die verträumte Variante

Dies ist die Variante, die massenhaft übersehen wird, besonders bei Mädchen. Schnell abgelenkt, Dinge verlieren, Aufgaben vergessen, scheinen nicht zuzuhören, Schwierigkeiten beim Anfangen, werden als langsam oder "faul" bezeichnet.

Mädchen mit ADHS erhalten ihre Diagnose durchschnittlich Jahre später als Jungen. Nicht weil sie es weniger haben, sondern weil sie weniger auffallen. Sie stören niemanden – außer sich selbst.

Was es nicht ist

ADHS kommt nicht von Zucker, nicht von Bildschirmen und nicht von "zu wenig Grenzen". Es ist größtenteils erblich bedingt und betrifft die Funktionsweise der Aufmerksamkeits- und Hemmsysteme im Gehirn. Wenn du das liest und vieles aus deiner eigenen Kindheit wiedererkennst – das ist kein Zufall.

Der Weg in Deutschland

  1. Sprechen Sie mit der Lehrkraft in der Schule und fragen Sie nach der Einschätzung des Schulpsychologen oder der Schulsozialarbeit. Die Schule sieht Ihr Kind inmitten von dreißig Gleichaltrigen – das ist wertvolle Information.
  2. Gehen Sie zum Hausarzt. Dieser kann Sie an die Kinder- und Jugendpsychiatrie verweisen.
  3. Oder wenden Sie sich an das Jugendamt: Jugendhilfe läuft seit 2015 über die Kommunen, oft über ein Team im Sozialraum oder die Jugendämter.
  4. Die Untersuchung besteht aus Gesprächen, Fragebögen für Sie und die Schule und manchmal aus Beobachtungen. Es gibt keinen Bluttest oder Scan.

Wartelisten sind leider lang. Beginnen Sie deshalb nicht mit dem Warten, sondern mit den unten genannten Dingen.

Was zu Hause hilft, mit oder ohne Diagnose

  • Sichtbare Struktur. Ein Tagesplan mit Piktogrammen an der Wand funktioniert besser als zehnmalige Wiederholung.
  • Eine Aufgabe gleichzeitig. "Zieh deine Jacke an" anstatt "Zieh deine Jacke an, zieh deine Schuhe an und pack deine Tasche".
  • Stellen Sie Augenkontakt her, bevor Sie etwas sagen. Rufe aus der Küche kommen nicht an.
  • Bewegung zur Konzentration. Vor den Hausaufgaben draußen rennen, funktioniert besser als danach.
  • Arbeiten Sie in kurzen Blöcken mit einem sichtbaren Timer.
  • Benennen Sie fünfmal mehr, was gut läuft, als was schiefläuft. Kinder mit ADHS erhalten pro Tag viel mehr Korrekturen als andere. Das zerstört das Selbstwertgefühl.
  • Schützen Sie den Schlaf. Schlafmangel verschlimmert alle Symptome.

Über Medikamente

Medikamente sind kein erster Schritt und kein letztes Mittel. Für einige Kinder machen sie den Unterschied zwischen Mitkommen und Scheitern; für andere reichen Begleitung und Anpassung in der Schule aus. Es ist eine medizinische Abwägung, die Sie gemeinsam mit einem Arzt treffen – nicht mit der Nachbarin oder dem Internet.

Eine Diagnose ist kein Etikett, das kleben bleibt. Es ist eine Erklärung. Und für viele Kinder ist diese Erklärung das erste Mal, dass sie hören, dass sie nicht faul oder dumm sind.